Teil II Kasachstan: Zwischen Pferdefleisch und Gastfreundschaft
Meine Augen wollen sich heute Morgen noch nicht so recht an das Tageslicht gewöhnen, mein Kopf fühlt sich matschig an und mein Körper schlapp. Ein Bier, vielleicht auch zwei, waren gestern definitiv zu viel. Micha geht es ähnlich und wir bleiben noch einige Minuten regungslos liegen, bevor wir uns dem ersten Kaffee widmen. Mit dem dampfenden Becher in der Hand lassen wir die Ereignisse des Vortages Revue passieren. Wir gehen die Gespräche durch und fragen uns, ob wir Timur und Daryen heute tatsächlich wiedersehen werden.
In den letzten vier Jahren Reiseerfahrung haben wir gelernt, dass jede Nation anders mit Versprechen umgeht. Die einen halten alles und du kannst dich darauf verlassen, die anderen reden viel – vor allem mit genügend Alkohol im Blut – und am nächsten Tag ist alles vergessen. Timur und Daryen sind unsere erste Begegnung mit Kasachen, und wir wissen noch nicht, zu welcher Kategorie sie gehören werden. Telefonnummern haben wir nicht. Uns bleibt also nichts anderes übrig, als zu warten. Gegen Mittag werde ich ungeduldig. „Was, wenn sie nicht kommen? Dann könnten wir statt hier rumzusitzen selbst eine Werkstatt ausfindig machen.“ Kaum habe ich diese Sätze ausgesprochen, hält ein Auto, laut hupend, direkt neben uns. Timur springt heraus, lädt uns ein und wir machen uns auf den Weg zu Daryen. Kurze Lagebesprechung, dann ist klar: Der Nachbar ist Mechaniker und schaut sich das Problem an. Also parken wir unseren Simba direkt vor Daryens Haus.
Zur Fehlersuche gibt es bereits das erste Bier, und da alles etwas länger dauert, folgt schnell ein zweites. Der Nachbar kommt zu dem Schluss, dass unser Luftfilter getauscht werden muss und eine Dichtung nicht mehr richtig abdichtet. Doch die Ersatzteile können erst am Montag besorgt werden.
Wir sind erleichtert, gleichzeitig aber beunruhigt. Das bedeutet, dass wir mindestens zwei weitere Tage hierbleiben müssen. Die ewigen Strecken gepaart mit unserem knappen Visum sind so schon eine Herausforderung für unseren alten Truck. Jeder Tag, an dem wir nicht fahren können, bedeutet, die nächste Zeit noch mehr Stunden in der Fahrerkabine verbringen zu müssen. Und das ist mit einem Fulltimejob gleich doppelt anstrengend.
Für den Moment verdrängen wir die kommenden Strapazen jedoch und freuen uns, noch weitere Tage mitten unter den Kasachen verbringen zu dürfen. „Lasst uns essen gehen!“, ruft Timur wie aufs Stichwort. Und natürlich gibt es, wie versprochen, Beshbarmak. Dünne Nudelplatten, gekocht in kräftiger Fleischbrühe, bilden die Basis. Darauf liegen gedünstete Zwiebeln, zarte Pferdefleischstücke, Scheiben von Pferdewurst, Kartoffeln und Karotten. Jeder hat eine Holzschale vor sich stehen, in der die Brühe dampft. Das Gericht schmeckt fantastisch, so ganz anders als alles, was wir bisher kannten. Das Fleisch ähnelt Rind, ist aber zarter, die Nudeln sind saftig und die Zwiebeln dazu einfach perfekt. Kein Wunder, dass unsere Gastgeber so stolz sind, wenn sie von ihrem Nationalgericht erzählen.
Nach dem Essen geht es zu Hause weiter und wir werden bestens mit Bier versorgt. Als Snack lernen wir „Kurt“ kennen: eine weiße, steinharte Kugel. Kaum im Mund, lässt sie sich gut zerkauen und hinterlässt einen salzigen, sehr trockenen Geschmack, der etwas an Quark erinnert. Es ist ein jahrtausendealtes Nomadengericht, erfuhren wir, um Milch ohne Kühlung haltbar zu machen – fermentiert und anschließend getrocknet. Gegen Mitternacht wird Plov und ein Tomatensalat bestellt. Wir werden den ganzen Abend lang eingeladen und lernen ganz nebenbei die kasachische Küche lieben.
Am Montag ist es dann endlich so weit: Simba bekommt einen neuen Luftfilter und eine neue Dichtung. Wie es scheint, hat das gereicht, um das Problem in den Griff zu bekommen. Bis alles erledigt ist, ist es jedoch schon spät abends. Der Mechaniker zieht sich um und kommt mit einem großen, trockenen Fisch auf uns zu. Ein weiterer traditioneller Snack, besonders zum Bier. Also sitzen wir wieder im Garten, lassen die Dosen zischen und stoßen an. Der Fisch schmeckt sehr intensiv und ist gewöhnungsbedürftig. Er wurde im Ganzen, ohne ausgenommen zu werden, in viel Salz eingelegt und dann an der Luft getrocknet.
Der Mechaniker schneidet am Kopf des Fisches herum, pult das Backenfleisch heraus und reicht es mir voller Stolz. Das beste Teil am Fisch verkündet er feierlich. Ich schaue skeptisch, doch eine Weigerung wäre mehr als unhöflich. Also schiebe ich mir das Stück in den Mund. Es ist weich, sehr intensiv und fettig. Ich kaue wenig, schlucke schnell, versuche mein Gesicht zu einem Lächeln zu zwingen und sage hastig: „Sehr gut!“ Dann brauche ich sofort einen großen Schluck Bier hinterher. Die trockenen Teile gingen ja, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, aber das? Was für die einen eine Delikatesse ist, löst bei mir beinahe einen Brechreiz aus.
Am Dienstag schaffen wir es dann endlich weiterzukommen. Wir sind extrem dankbar für all diese Erlebnisse und Bekanntschaften. Und während wir in die Steppe fahren, fragen wir uns wieder: Wieso ist Gastfreundschaft in so vielen Ländern eigentlich so viel selbstverständlicher als bei uns zu Hause?