Kasachstan: Zwischen Pferdefleisch und Gastfreundschaft
Wir fahren die ersten Kilometer durch Kasachstan und sofort ist uns klar: Das hier ist komplett anders als Russland. Die Menschen, denen wir begegnen, lächeln uns an, ihre Gesichtszüge sind asiatisch. Die Straßen sind gut und führen uns geradewegs durch die unendliche Steppe, wo wir auf beiden Seiten Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen beobachten, die ihre Freiheit in der uneingezäunten Weite genießen. Dann plötzlich sehen wir unsere ersten Trampeltiere. Die Kamele sind zottelig und wirken während ihres Fellwechsels fast etwas verwahrlost, mit Fellfetzen, die am ganzen Körper hängen. Trotzdem sind es anmutige und vor allem riesige Tiere, über deren Anblick wir uns riesig freuen. Unseren ersten Stellplatz finden wir leicht. Von der Hauptstraße führen viele Sand- und Schotterwege mitten in die Steppe. Schon nach wenigen Kilometern ist die Straße kaum noch zu hören und wir bleiben einfach stehen. Mitten im Nirgendwo umgeben von nichts als Steppe. In der Ferne können wir noch ein paar Herden ausmachen, die sich ganz langsam unserem Simba nähern. Ein paar Stunden später sind die Kamele ganz nah und wir beobachten, wie sie gemächlich fressen und dabei langsam weiterziehen.
Die Nacht war erholsam, still und friedlich. Als wir am nächsten Morgen aufbrechen wollen, fällt uns auf, dass Simba viel Öl verloren hat. Bisher läuft er zwar noch, aber wir wollen kein Risiko eingehen und suchen so schnell wie möglich eine Werkstatt auf. In den ewigen Steppen Kasachstans bedeutet das: einige hundert Kilometer Fahrt bis zur nächsten Stadt. Für uns ist das Atyrau. Wir machen uns auf den Weg, doch da wir mit einem fast 40 Jahre alten Truck unterwegs sind, lassen wir es ruhig angehen. Wenn die Straßenverhältnisse es zulassen, schaffen wir eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h. In Atyrau angekommen, ist der Arbeitstag für die Werkstätten bereits gelaufen, also entscheiden wir uns, das Land von seiner kulinarischen Seite zu entdecken. Gehobene Etablissements meiden wir gern; wir suchen das Authentische, das Einfache, das Ungefilterte. Wir landen im „Schaschlik-Maschlik“. Die Fleischspieße sind gut, können jedoch nicht ganz mit der russischen Grillkunst mithalten, aber unsere ersten Manti sind dafür extrem lecker. Als wir das Essen mit einem Bier abrunden, nimmt der Abend eine unerwartete Wendung.
Wir lernen Timur und Daryen kennen, zwei Einheimische. Sie setzen sich kurzerhand an unseren Tisch, laden uns auf ein Bier ein und wir sind sofort mitten im Gespräch. Die Neugier der beiden ist entwaffnend. Warum Atyrau? Wie lebt man in einem Truck? Und als sie von unserem Ölproblem hören, ist die Antwort keine komplizierte Werkstattempfehlung, sondern ein Versprechen. „Erst kümmern wir uns morgen um euer Auto, dann essen wir gemeinsam Beshbarmak“, verkündet Timur mit einer Selbstverständlichkeit, die uns fast sprachlos macht.
Beshbarmak ist das Nationalgericht hier in Kasachstan, übersetzt heißt es „Fünf Finger“, da es traditionell auch so gegessen wird. Hauptbestandteil ist Pferdefleisch. Was für uns im ersten Moment seltsam klingt, ist hier Alltag. Pferdefleisch gehört zum Speiseplan wie Rind, Schaf oder Kamel – und ist in der kasachischen Kultur eine absolute Selbstverständlichkeit.
Im nächsten Teil erfahrt ihr, ob die beiden uns helfen konnten und ob wir tatsächlich Pferdefleisch probiert haben.