Litauen – erst auf den zweiten Blick schön

Nachdem wir in Litauen den Hügel der Kreuze besichtigt hatten, war ich auf eine gewisse Art mit dem Land durch. Wir hatten zwar noch nicht viel hier gesehen, doch das was wir gesehen hatten, war genug für mich. Litauen ist anders, anders als Estland und auch anders als Lettland. Bei den ersten Stationen hatten wir das Gefühl nicht so richtig willkommen zu sein. Beim Kontakt mit den Einheimischen sind oft komische Schwingungen in der Luft. Ich kann sie weder beim Namen nennen, noch beschreiben, sie sind einfach da. Nur mal so als Beispiel: An unserem ersten Abend in Klaipeda sind wir in einer Rockerkneipe gelandet. Schon beim Reinlaufen spürte ich, dass wir hier nicht willkommen sind. Micha hatte dies nicht wahrgenommen und stattdessen nur die urige und spannende Einrichtung bemerkt, weshalb ihm der Laden gefiel. Also sind wir geblieben, auf ein Bier. Und schon ist es passiert, drei ältere Herren haben sich zu uns gesetzt und wollten sich unterhalten. Wo wir her kommen, was wir so machen. Statt dem gewohnten echten Interesse folgte dann nur Ablehnung. So lange bis uns der Wirt bat zu gehen, da seine anderen Gäste stark alkoholisiert waren und um Ausfälligkeiten uns gegenüber zu vermeiden. Das musste man mir kein zweites Mal sagen, Bier auf Ex weggekippt und raus mit uns.

Und wie an diesem Abend in der Bar hatte ich genau dieses Gefühl öfter. Manchmal war es vielleicht nur ein Gefühl, weil die Litauer anfangs mit Fremden recht kühl sind, manchmal war es bestimmt genau so und wir waren einfach nicht willkommen. Diese Grundstimmung und dann noch die Tatsache, dass es landschaftlich nicht viel Neues zu entdecken gibt, trieben mich weiter. Micha hingegen ist nicht so vorschnell, lässt sich von wenigen Situationen nicht die Grundstimmung vermiesen und möchte ein Land erst etwas intensiver kennenlernen, bevor er sich ein Urteil bildet. Also ging es weiter nach Kaunas. Dort angekommen bestätigte sich mein Bild nur noch. Die Stadt hatte in meinen Augen nichts Besonderes zu bieten. Eine alte Burg, ein schöner Weg entlang am Fluss und ein paar alte Backsteinhäuser. Beim traditionellen Essen am Abend ging es genauso weiter. Es gab für mich eine Art Kartoffelknödel gefüllt mit Hüttenkäse. Hört sich vielleicht nicht schlecht an, war jedoch relativ fad und man hat nichts verpasst, wenn man es noch nie gegessen hat.

Und wie ich so dachte, ich will hier weg und ins nächste Land weiter, kam unser erster, wunderschöner Platz in diesem Land. Auf dem Weg nach Vilnius machten wir noch einen Zwischenstopp. Unser Simba stand direkt am See, weit und breit kein Mensch und am Abend konnten wir einen herrlichen Sonnenuntergang beobachten. Weil es nachts doch recht frisch wird, mussten wir uns noch etwas aufwärmen und haben die Glühwein-Saison gestartet. Ein herrlicher Abend in der Natur direkt am See. Da am nächsten Tag das Wetter ziemlich schlecht war, entschieden wir uns direkt weiter nach Vilnius zu fahren. Bis wir dort ankamen war es bereits dunkel. Doch auch bei Nacht hat uns die Stadt gut gefallen, wir haben die ersten Bars besucht und der litauischen Küche eine zweite Chance gegeben. Diesmal wars sogar ganz lecker.

Am Nachbartisch saßen vier Israelis mit denen wir uns eine Weile richtig gut unterhalten haben und von denen wir auch einen weiteren Restaurant-tipp nahe der Wasserburg Trakai erhalten haben. Diese lag auf dem Weg Richtung Polen und wir wollten dort sowieso einen Stopp einbauen.

Zuerst haben wir uns natürlich Vilnius noch genauer angeschaut, bei Tag. Und wie auch schon die anderen baltischen Hauptstädte hat uns auch Vilnius wieder einmal begeistert. Viele, kleine Gassen, alte, bunte Gebäude, viele Kirchen, ein Weg entlang des Flusses mitten durch die Stadt und doch im Grünen. Und dann die vielen, ausgefallenen Bars und Restaurants. Immer anders, immer individuell und immer mit viel Charme.

Nach der Hauptstadt ging es für uns dann weiter Richtung Polen. Natürlich nicht am Stück, sondern mit Zwischenstopp in Trakai. Denn hier befindet sich die gleichnamige Burg. Mitten in einer rieseigen Seenlandschaft. Unser Stellplatz war gute zwei Kilometer von der Burg und dem Ort entfernt. Dafür keine zehn Meter vom See entfernt. Die nächsten drei Tage war herrliches Wetter und wir haben die Gegend dort genossen. Wandern im naheliegenden Wald, Drohnenaufnahmen am See und zwischendurch Arbeiten am Laptop. Die Burg wollten wir uns noch etwas aufsparen, sie sollte Programm unseres ersten Hochzeitstages werden. Als es soweit war, sind wir ganz gemütlich in den Tag gestartet und dann ins Örtchen Trakai gelaufen. In einem Café im Ort gabs leckere Kuchen und dann ging es in die Burg.

Zum Glück war um diese Jahreszeit nicht mehr viel los und wir konnten alles ganz in Ruhe für uns anschauen. Und ganz ungeplant waren wir an unserem ersten Hochzeitstag wieder in einer Burg, denn wir haben uns auch in einer Burg das Ja-Wort gegeben. Ein schöner Zufall.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter Richtung Polen, doch die Strecke am Stück zurückzulegen war uns einfach zu viel. Rund 200 Kilometer lagen noch vor uns. Für jeden der mit dem Auto unterwegs ist klingt das jetzt erstmal wenig, aber seid ihr schonmal mit einem über 30 Jahre alten, schlecht gefederten LKW auf Litauischen (oder Lettischen oder Estnischen oder Schwedischen oder Norwegischen oder … es gibt viele Beispiele, sehr viele) Straßen gefahren? Falls nicht, hier mal eine kurze Schilderung: Die Straßen sind einzige Flickenteppiche, mit Schlaglöchern und Rissen. Auf einer normalen Landstraße fahren wir zwischen 40 und 50 km/h und dabei werden wir die ganze Zeit durchgeschüttelt. Spätestens nach zwei Stunden Geschüttel und konzentriertem Schlagloch-Slalom-Fahrten brauchen wir eine Pause. Und bei 200 km würde das bedeuten mindestens vier Stunden Fahrt. Natürlich haben wir solche Strecken auch schon zurückgelegt, auch auf schlechten Straßen. Doch da wir ja völlig Terminfrei reisen und Zeit haben so viel wie wir möchten, teilen wir uns solche Strecken auf.

Es hat auf jeden Fall auch seine Vorteile nicht immer nur von Ziel zu Ziel zu fahren, denn durch die Zwischenstopps kommt man in Ecken, die man sonst nie besucht hätte. So war auch der letzte Stopp in Litauen richtig toll. Um unseren Stellplatz zu erreichen ging es ungefähr zwei Kilometer durch den Wald. Teilweilweise hingen die Äste so weit rein, dass ich sie wegdrücken musste um durchzukommen ohne zu große Beschädigungen an Simba zu hinterlassen. Solche Anfahrten sind immer nicht ganz einfach, dafür versprechen sie die besten Plätze. Und auch hier kamen wir wieder an einen wundervollen Ort. Um uns herum nur Wald und direkt vor uns ein großer, schöner Fluss. Weit und breit kein Mensch, Ruhe pur. So dachten wir zumindest, denn bereits kurze Zeit nach unserer Ankunft kam ein PKW angefahren. Drin sahs ein älterer und sehr mürrisch dreinblickender Mann. Wir sahen uns an und meinten: was will der jetzt? Darf man hier nicht stehen, vertreibt er uns direkt?

Doch bereits beim Aussteigen hellte sich seine Mine auf, er schnappte sich eine Angel und kam auf uns zu. Englisch konnte er nicht, dafür Russisch. Michas Kenntnisse reichten aus für ein Gespräch. Was wir hier denn wollten, da ist ja nichts. In der Nähe gibt’s ein kleines Dorf, dort gibt es zumindest ein Restaurant und eine Bar. Doch genau dieses „nichts“ ist für uns perfekt. Richtig verstanden hat er es nicht, doch er hatte auch nichts dagegen. Nur unseren Müll sollen wir nicht dalassen, das ist natürlich selbstverständlich. Kurze Zeit später war er dann auch wieder verschwunden und wir waren allein in der Natur. Das kleine Städtchen haben wir uns dann am nächsten Tag bei einer Gassi-Runde angeschaut, bevor wir uns endgültig auf den Weg nach Polen machten.

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